warum ich manchmal auf Partys lüge. (Zumindest ein bisschen.)

„Und was machst du so beruflich?"

Aus dem Basislager
a man building a building blocks
Frank Pursch
Frank Pursch
Innovation, Betrieb & Finanzen
Tag 104 · 14. April 2026 · 08:53

Ihr steht auf einer Party, einem Familienfest, einer Hochzeit. Jemand fragt: „Und was machst du so beruflich?" Und ihr wisst schon in dem Moment, in dem ihr den Mund aufmacht, dass die nächsten zwei Minuten in echtem Unverständnis enden werden. Also sage ich einfach: „Was mit IT." Dann nicken alle sofort. IT kennt jeder. Der komische Typ auf der Party bin ich dann trotzdem, aber wenigstens nur der komische Typ, nicht der seltsame.

Früher war es einfacher: Als meine erste Tochter vor etwa 30 Jahren zur Welt kam, stand auf ihrer Geburtsurkunde: Beruf des Vaters: Programmierer. Simpel. Jeder wusste ungefähr, was das bedeutet - jemand, der Computer zum Arbeiten bringt. Dann war man vielleicht etwas nerdig (wobei es das Wort damals noch nicht gab), aber es war halbwegs nachvollziehbar.

Was ich danach alles war, ließ sich für Außenstehende schon nicht mehr so leicht erklären: Softwareentwickler. Systemadministrator. Leiter Informatik. Senior Projektmanager Web2Print. Head of IT-Operations. CISO. IT-Solution-Architekt. Sachverständiger für Rechenzentren. IAM-Spezialist. Mit jeder Spezialisierung wurde ich fachlich besser - und für die Außenwelt unlesbarer. „Identity and Access Management in regulierten Finanzumgebungen" war kein Gesprächseinstieg. Es war das Gesprächsende. Mein Vater erzählte bei Familientreffen stolz und schlicht zugleich: „Mein Sohn macht was mit Computern." - kennt ihr vielleicht auch - da fühlte ich mich gar nicht mehr gesehen, denn wer arbeitet heute nicht in irgendeiner Form mit Computern?

Aber in den letzten Monaten passierte etwas Unerwartetes. Auf die berufliche Frage antwortete ich: „Ich mache was mit KI." – und plötzlich war die Reaktion eine andere. Nicht Desinteresse, nicht höfliches Nicken, sondern Interesse, Faszination aber auch Ängste. Die Menschen spüren, dass sie das Thema betrifft.

Die alte Welt reißt gerade ab, das merkt man jeden Morgen, wenn man die Nachrichten liest. Jeder ahnt: So wie es ist, wird es nicht bleiben. Aber genau hierin liegt auch eine große Chance. Und wisst ihr, was ich dabei merke? Die technologischen Aspekte stehen gar nicht im Vordergrund. Die Leute fragen mich nicht „Was kann die KI?". Die fragen: „Was passiert mit mir? Mit meinem Job? Mit meinem Unternehmen?" Und das ist die eigentliche Frage, die mich wirklich interessiert. Nicht das Werkzeug. Was mit den Menschen passiert, wenn das Werkzeug ankommt.

Und ich verstehe diese Ängste. Aber ich glaube, sie entstehen aus dem falschen Bild. KI muss kein Konkurrent sein, der mir meinen Platz wegnimmt. Es kommt darauf an, wie man KI einsetzt. Wer sie einsetzt, um das möglich zu machen, was vorher schlicht nicht ging, bekommt etwas ganz anderes.

Ich erlebe das gerade an mir selbst: Ideen, die jahrelang keine Chance zur Umsetzung hatten, werden plötzlich real. In kürzester Zeit. Das begeistert mich – viel mehr als jedes Tool. Es geht mir nicht darum, Bestehendes zu automatisieren. Sondern darum, das möglich zu machen, was bisher nicht möglich war. Und ja, natürlich kann man auch automatisieren – aber mit dem Ziel, bei den Menschen einen Freiraum zu schaffen, in dem sich ihre Kreativität endlich wieder entfalten kann.

Deshalb bin ich nun im Grunde wieder das, was auf der Geburtsurkunde stand: Programmierer. Builder. Nur mit 35 Jahren Erfahrung im Gepäck – und einer Legokiste, die jetzt unendlich groß ist.
Mein Vater sagt jetzt: „Mein Sohn macht was mit KI." Ich lasse ihn.


Frank Pursch ist Gründer von ADAPTIVE Intelligence GmbH in Düsseldorf. Gemeinsam mit seinen Partnern Oliver Weidner und Andreas Scheller baut er KI-Systeme, die in der echten Welt funktionieren – und er kann seinen Beruf seit Kurzem wieder auf Partys erklären.

Frank Pursch
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